Pressemitteilung
VCD Nordost aktuell
Berlin, 3. März 2026 –
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordert von der Politik dringend Maßnahmen zum Schutz ungeschützter Verkehrsteilnehmer*innen in Berlin. Besonders alarmierend ist die zunehmende Zahl von Todesfällen unter Fußgänger*innen – vor allem bei Personen über 80 Jahren: Diese Gruppe stellt einen besonders gefährdeten Teil der Bevölkerung dar und ist von Verkehrsunfällen überproportional betroffen. Gerade für ältere Menschen, die oft zu Fuß unterwegs sind, wird der Straßenverkehr zunehmend zur Gefahr.
Der VCD Nordost listet seit geraumer Zeit die Zahl der Verkehrstoten pro Kalenderjahr leicht zugänglich auf seiner Webseite auf – für 2025 ist die Liste hier zu finden (die vom Verein vorgestellte Zählung weicht geringfügig von den offiziellen Zahlen der Berliner Polizei ab, weil sie u.a. auch jene Todesfälle berücksichtigt, bei denen zwischen dem jeweiligen Unfall- und Sterbedatum mehr als 30 Tage vergangen sind).
Demnach wurden im Jahr 2025 im Berliner Verkehr 38 Menschen getötet. Dies sind weniger als im Vorjahr (56), aber mehr als 2023 (36). Besonders auffallend ist, dass die Hälfte aller im Verkehr getöteten Menschen zu Fuß unterwegs war – von diesen 19 getöteten Personen waren 15 über 80 Jahre und weitere 2 über 65 Jahre alt. Die Zahl umfasst zudem den tragischen Fall eines zweijährigen Kleinkindes, das im Kinderwagen überfahren wurde.
Dem möglichen Einwand von Kritikern, Berlin stehe im bundesweiten Vergleich der Verkehrstoten noch vergleichsweise gut da, widerspricht der VCD Nordost deutlich – ein solcher Vergleich verzerrt die hiesige Realität: Bundesweit ereignen sich die meisten tödlichen Verkehrsunfälle außerorts auf Landstraßen; Straßen also, die es in Stadtstaaten wie Berlin gar nicht gibt. Der urbane Raum mit seinem dichtem Fuß- und Radverkehr stellt besondere Anforderungen an Infrastruktur, Geschwindigkeitsregime und Verkehrsorganisation – und genau hier besteht in Berlin erheblicher Nachholbedarf.
„Wer Berlin mit Flächenländern vergleicht, verschleiert die tatsächlichen Risiken in unserer Stadt. Entscheidend ist, was innerorts passiert – dort, wo Kinder zur Schule gehen und ältere Menschen ihre Wege zu Fuß zurücklegen. Und hier steht Berlin alles andere als gut da. Die Sicherheit der Schwächsten darf nicht relativiert werden“, erklärt Judith von Falkenhausen, Sprecherin des VCD Nordost.
Der VCD Nordost fordert vom Berliner Senat und den zuständigen Behörden, mehr für den Schutz dieser vulnerablen Gruppe zu tun. Konkret geht es um die Verbesserung der Infrastruktur – etwa durch mehr und bessere Fußgängerüberwege sowie eine Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit.
„Es ist höchste Zeit, dass der Senat sich klar zu einer Verkehrspolitik bekennt, die den Schutz ungeschützter Verkehrsteilnehmer*innen, insbesondere älterer Menschen, in den Mittelpunkt stellt. Die steigende Zahl von Verkehrstoten, die durch Kollisionen mit Fahrzeugen verursacht werden, muss endlich gestoppt werden. Wir fordern konkrete Maßnahmen, um dem Ziel der „Vision Zero“ näherzukommen“, erläutert Heiner von Marschall, Landesvorsitzender des VCD Nordost.
Die „Vision Zero“ ist im Berliner Mobilitätsgesetz seit 2018 verankert und formuliert das langfristige Ziel, die Anzahl der Getöteten und Schwerverletzten im Straßenverkehr auf null zu reduzieren. Der VCD setzt sich für eine entschlossene Verkehrspolitik ein, die konsequent auf Sicherheit, Prävention und den Schutz von Zu-Fuß-Gehenden und anderen ungeschützten Verkehrsteilnehmer*innen ausgerichtet ist.
Das Landesverfassungsgericht hat in seinem Urteil zur Zulässigkeit des Volksentscheides “Berlin autofrei” festgestellt, dass die tödliche Gefährdung im Straßenverkehr maßgeblich vom Vorhandensein des Kfz-Verkehrs ausgeht. Maßnahmen zu einer wirksamen Erhöhung der Verkehrssicherheit müssen daher auf eine spürbare Reduzierung des motorisierten Verkehrs zielen.
Die Koalitionsparteien haben mehrfach erklärt, die Ziele des Verkehrsentscheides zu teilen.
Der VCD fordert den Senat daher auf, offenzulegen mit welchen Mitteln eine deutliche Reduzierung des Autoverkehrs bewirkt werden soll, um die in §1 Absatz 2 des Gesetzentwurfes formulierten Ziele zu erreichen:
§1 (2) Ziel dieses Gesetzes ist es, durch die Verringerung des motorisierten Individualverkehrs in Berlin die Zahl der verkehrsbedingten Todesfälle und Verletzungen zu senken, gesundheits-, klima- und umweltschädliche Emissionen (insbesondere Lärm und Abgase) zu verringern, das Sicherheitsgefühl und Wohlempfinden gerade auch von besonders schutzbedürftigen Verkehrsteilnehmer:innen wie beispielsweise älteren Personen und Kindern zu verbessern, die Wohn- und Aufenthaltsqualität zu steigern sowie die geschäftliche und kulturelle Attraktivität Berlins zu fördern.
Im Gegensatz dazu bremst die Berliner Landesregierung aktiv den Ausbau des Tramnetzes aus, die Fortschreibung des Nahverkehrsplans ist seit zwei Jahren überfällig, geplante Radwege werden nicht gebaut – und für den ersten Fußverkehrsplan, der bereits vor drei Jahren fällig gewesen wäre, wurden nach dem Regierungswechsel von 2023 die Arbeiten scheinbar eingestellt und die Modellprojekte für den Fußverkehr entweder entkernt oder gleich ganz gestrichen.
“Dringend wäre, die im Fußverkehrsteil des Mobilitätsgesetzes vorgesehenen Vorrangbereiche für den Fußverkehr auszuweisen und umzugestalten. Der VCD Nordost sieht diese dort, wo bereits heute viel Fußverkehr herrscht: in Einkaufsstraßen, Ortsteilzentren und zentralen Umsteigepunkten des ÖPNV. Hier braucht es Aufenthaltsqualität, ausreichend Platz, Begrünung und vor allem sichere Querungsmöglichkeiten in ausreichend kurzen Abständen mit geringen Querungslängen,” so von Marschall abschließend.
Eine Verkehrspolitik, die am Status quo festhält, stellt politische Ideologie über den Schutz von Menschenleben – das darf sich Berlin nicht länger leisten.