VCD Nordost aktuell

Norwegen setzt Maßstäbe: Tempo 30 wird zum neuen Standard in Ortschaften

In Norwegen muss ab sofort nicht Tempo 30, sondern Tempo 50 innerorts begründet werden. Ein Paradigmenwechsel, den Deutschland endlich auch vollziehen sollte.

Die norwegische Straßenverwaltung Statens vegvesen hat Mitte März neue Geschwindigkeitskriterien veröffentlicht, die die Logik der Geschwindigkeitsregelung in Ortschaften grundlegend umkehren. Der Kern der Neuregelung: Wenn eine Straße bewertet wird, ist 30 km/h künftig der Ausgangspunkt – nicht mehr 50. Man solle sich dabei „an den Bedürfnissen von Fußgängern und Radfahrenden orientieren", heißt es im Regelwerk der Behörde.

Die Vorschrift richtet sich an die Kommunen:
Wollen Behörden in geschlossenen Ortschaften eine höhere Geschwindigkeit als 30 km/h erlauben, müssen sie das künftig aktiv begründen – etwa nachweisen, dass das höhere Limit die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigt.
Für Tempo 50 gelten strenge Voraussetzungen – unter anderem baulich von der Fahrbahn getrennte Radspuren und eine wichtige Funktion der jeweiligen Straße (etwa als Teil eines Hauptverkehrsnetzes). Tempo 30 wird in Zukunft dort verpflichtend, wo Radfahrende sich die Fahrbahn mit Autos teilen müssen oder wo Kinder vor der Schule die Straße queren.

Wichtig zu wissen: Die Begrenzungen gelten nicht automatisch überall. Sie können für Straßen in bebauten Gebieten ab 200 Einwohner*innen beantragt werden. Und rechtlich bleibt es in Norwegen bei der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h innerorts – solange kein Schild etwas anderes anzeigt.
Was sich geändert hat, ist die Beweislast: 
Nicht mehr Tempo 30, sondern Tempo 50 muss künftig gerechtfertigt werden.

Norwegen ist bereits heute das Land mit den wenigsten Verkehrstoten in Europa: 2024 kamen 16 Menschen pro einer Million Einwohner im Straßenverkehr ums Leben – in Deutschland waren es im gleichen Zeitraum 33.
In der Hauptstadt Oslo gilt in weiten Teilen bereits vollständig Tempo 30, der Innenstadtbereich ist weitgehend autoarme Zone.

Was sagt die Wissenschaft?

Dass Tempo 30 wirkt, belegt auch eine aktuelle Metastudie der Björn Steiger Stiftung unter Leitung des Unfallforschers Prof. Dr. Siegfried Brockmann, deren Ergebnisse der VCD Nordost bereits vorgestellt hat. Ausgewertet wurden bestehende Tempo-30-Zonen in 14 europäischen Kommunen sowie in Toronto – darunter Daten aus Berlin und Münster. Das Resultat ist eindeutig: Die Unfallrate sank insgesamt um mehr als zehn Prozent, bei schweren Unfällen sind die Effekte noch drastischer – 30 Prozent weniger Unfälle mit Personenschäden, fast 40 Prozent weniger Schwerverletzte, 42 Prozent weniger Verkehrstote. 
Und ein häufiges Gegenargument lässt sich entkräften: Die Fahrzeiten verlängern sich gegenüber Tempo 50 kaum.

Was bedeutet das für den Nordosten?

Diese Befunde sind auch für uns unmittelbar relevant: Im Flächenland Mecklenburg-Vorpommern kamen im Jahr 2025 insgesamt 75 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, in Berlin waren es im gleichen Zeitraum fast 40. Jeder einzelne Verkehrstote ist einer zu viel.

„Diese Zahlen zeigen unmissverständlich: Tempo 30 ist eine der wirksamsten und zugleich einfachsten Maßnahmen, um Menschen jeglichen Alters im Straßenverkehr zu schützen", sagt Judith von Falkenhausen, Sprecherin des VCD Nordost. „Wer es ernst meint mit der Vision Zero, der kommt an Tempo 30 innerorts nicht vorbei."'
 

Was fordert der VCD?

Der norwegische Ansatz zeigt, wie konsequente Verkehrspolitik aussehen kann. 
Der VCD Nordost fordert dasselbe Prinzip auch für Deutschland: Tempo 30 als Regelfall, Tempo 50 als begründungspflichtige Ausnahme. 
Durch die StVO-Novelle 2024 haben Kommunen hierzulande bereits mehr Spielraum – insbesondere auf Schulwegen sowie im Umfeld von Kitas, Spielplätzen, Senioreneinrichtungen und Fußgängerüberwegen. 
Auch einheitliche Regelungen zahlen sich aus: Häufige Wechsel zwischen Tempo 30 und Tempo 50 führen zu Aufmerksamkeitsproblemen und erhöhen das Unfallrisiko. 
Eine klare Regelgeschwindigkeit schafft bessere Orientierung für alle Verkehrsteilnehmenden.

„Tempo 30 schützt nicht nur Kinder, ältere Menschen und Radfahrende – es macht unsere Städte insgesamt lebenswerter", so von Falkenhausen. „Kommunen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sollten die neuen Spielräume jetzt konsequent nutzen."
 

Wie die Umsetzung konkret aussehen kann, zeigt das Tempo-30-Soforthilfepapier des VCD-Bundesverbandes – und das Beispiel Norwegen, das beweist: Es funktioniert.

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